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“Wir brauchen heute Mehrsprachigkeit”
Interview mit Prof. Dr. Rita Süßmuth am Rande der Volkswagen Foundation Study Groups Conference "Migration and Integration: Language matters" - 29. bis 31. Januar 2009 in Osnabrück
Die Volkswagen Stiftung hat im Rahmen ihrer Schwerpunktförderung zu Migration und Integration die Themenkomplexe "Bildung", "Wirtschaft", "Partizipation“ sowie "Struktur und Wandel von Sprachen" gefördert. Letzterer beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen sprachlichen und sozialen Bedingungen. Unter anderem werden im Rahmen der Studiengruppen die tatsächlichen sprachlichen Gegebenheiten in verschiedenen Bereichen untersucht – z.B. am Arbeitsplatz, in der Schule oder in Verwaltungen. Diese Analysen sollen auch einen Beitrag zur Entwicklung von Grundlagen leisten, um praktische Integrationsmaßnahmen genauer zu untersuchen oder zu qualifizieren.
Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth, die maßgeblich im Expert/-innengremium der Volkswagenstiftung bei der Begutachtung und Auswahl von Projekten involviert war, hat sich freundlicherweise für ein Interview am Rande des Workshops "language matters" bereit erklärt, das im Folgenden dokumentiert wird.
Der Stellenwert von Mehrsprachigkeit in Deutschland
Der Titel des Workshops - Migration und Integration: Language matters - ist ja durchaus doppeldeutig; er kann übersetzt werden als „Sprachenthemen“ als auch mit der Aussage „Sprache ist von Bedeutung“. Welchen Stellenwert messen Sie der deutschen Sprache für die Integration bei?
R. S.: Also, ich weise ihr eine zentrale Bedeutung zu; vor allen Dingen im kommunikativen Bereich – zur Verständigung. Nun weiß man, dass Menschen über mehr Möglichkeiten verfügen als nur über Sprache, um sich „irgendwie“ zu verständigen, aber die Sprache braucht man in einem Land, in dem man lebt und lernt, um an der Gemeinschaft, in allen Bereichen teilhaben zu können.
Auf dem Workshop wurde ja auch mehrmals die Mehrsprachigkeit angesprochen. Finden Sie, dass die Mehrsprachigkeit in Deutschland hinreichend gefördert wird?
R. S.: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, muss ich leider sagen. Zunächst wurde bei den Integrationskursen nur über Deutsch geredet. Was wir ja auch auf dieser Tagung hier vor allem diskutieren. Mit einer zweiten Sprache, so unsere Überlegungen, übernehmen wir uns – sprachpolitisch, finanziell etc etc. Wir wissen aber, dass die Muttersprache sehr maßgeblich zur weiteren Entwicklungen beitragen; Kinder, die ihre Muttersprache – Türkisch oder eine andere – nicht vernünftig gelernt haben, haben später mehr Probleme in der Schule.
Auf der anderen Seite streitet Deutschland seit Jahren darum, ob denn ab früher Kindheit zwei Sprachen gesprochen bzw. gelernt werden können. Die Antwort hierauf ist: Ja, dafür braucht man nicht nur die binationalen Ehen heranziehen. Natürlich gibt es oftmals auch Probleme, z. B. dass die Kinder schon mal die Sprachen vermischen. Aber mit fortschreitendem Alter, können wir bei ihnen auch stärker die Entwicklung des Formalen fördern. Wichtig ist zunächst erst mal, dass jüngere Kinder die Sprache viel schneller lernen als ältere, weil sie ganzheitlich und weil sie viel stärker noch durch das „Hören“ als durch die Schrift lernen.
Eine weiterer Gesichtspunkt ist: Wir brauchen Mehrsprachigkeit. Wir sollten gerade auch in Deutschland nicht darauf bestehen, nur Deutsch oder allenfalls noch Englisch zu erlernen.
In Deutschland werden von der großen Population der Migranten viele Muttersprachen gesprochen und wir schaden uns ja selbst, wenn wir diese Sprachfähigkeiten und Sprachenvielfalt nicht nutzen, z.B. für unsere Außenbeziehungen, Wirtschaft oder den Tourismus – um nur einige zu nennen.
Wer eine Sprache lernt braucht Sprechgelegenheiten
Sie waren die Leiterin der Kommission, die das neue Ausländergesetz von 2005 vorbereitet hat bzw. die Entwicklung dahin höchst prominent begleitet hat. In diesem Gesetz gibt es drei Paragraphen zur „Integration“. Vermutlich haben sich alle Praktiker damals sehr darüber gefreut, als deutlich wurde, dass erstmals ein Anspruch auf Deutschunterricht für Neuzuwanderer formuliert wurde. Wenn Sie sich rückwirkend die Entwicklung dieser Deutschkurse anschauen, wird dann ihrer Meinung nach das, was Sie sich in der Kommission von diesen Paragraphen versprochen hatten, tatsächlich umgesetzt?
R. S.: Nein. Aber zunächst mal: Es ist schon ein wichtiger Schritt, wie Sie ja selbst sagen, dass Deutschkurse angeboten werden. Der große Nachteil ist, dass sie isoliert angeboten werden. Es wird „nur“ das Lernen der deutschen Sprache angeboten - und es läuft auch jetzt eine Diskussion im BAMF – Bundesamt für Migration und Flüchtlinge –, weil sich erwiesen hat: Wer eine Sprache lernt, braucht Sprechgelegenheiten. Zum Zweiten haben wir immer betont, dass das Erlernen der deutschen Sprache in soziale Bezüge, in Arbeitsbezüge, in Praktika usw. integriert werden muss. Denn: Wenn ich eine Sprache nicht spreche, nicht anwende, dann bleibt sie angehäuftes Wissen im Kopf und verliert sich ganz schnell wieder.
Welche Rolle spielt die Einbürgerung für die Integration von Migrantinnen und Migranten?
Ein anderes Problem, was ich sehe, ist die Tatsache, dass die Integration in die Hand des Innenministeriums gelegt wurde. Das war aufgrund der Zuordnung des Gesetzes und damit auch der Integrationsparagraphen quasi vorgegeben. Und – Entschuldigung, wenn ich das jetzt so sage -, aber nach meiner Beobachtung werden die Deutschkurse von einer sehr bürokratischen und kontrollierenden Instanz umgesetzt. Pädagogische Anliegen, die Herausforderungen der Integration bedürfen aber doch ein Aufeinander-Zugehen von beiden Seiten.
R. S.: Das ist vielleicht auch eine Frage des Innenministeriums, aber die anderen Ministerien hätten sich ja auch zu Wort melden können, was aber nicht geschehen ist. Ich denke, da sind die Gründe eher im Politischen zu suchen.
Was ja auch durchaus nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass es in dem Gesetz letztendlich auch um Fragen der Aufenthaltsberechtigung bzw. der Einbürgerung geht.
R. S.: Wenn Sie das mal überlegen: In dem Gesetz wird ja letztlich am Anwerbestopp festgehalten; es geht also in erster Linie um die Menschen, die seit langem in Deutschland leben. Für diese Menschen geht es nicht nur um die Frage, ob sie den Einbürgerungstest bestehen, sondern auch darum, wie sie ihre Integration, ihre Teilhabemöglichkeiten in Deutschland erweitern können. Der politische Fehler, der gemacht worden ist, ist die kurzschlüssige Annahme, dass automatisch eine bessere Eingliederung auf allen Ebenen folgt, wenn die Migranten die deutsche Sprache erlernt haben. Das ist aber nicht der Fall. Es ist im Augenblick nicht hinreichend untersucht, aber wir erfahren es oft von den Migranten persönlich, die das Problem haben, den Einbürgerungstest erfolgreich absolviert zu haben, aber nicht die Möglichkeit bekommen das Gelernte auch anwenden zu können. Daraus ergibt sich z. B. die Anforderung, dass für Erwachsene der Spracherwerb und der Erwerb von beruflichen Kompetenzen verbunden wird. Es gibt ja eine Reihe von Erwachsenenbildungeinrichtungen, die solche Kurse betreiben, wobei jedoch die Mehrzahl der Kurse in der herkömmlichen Form der reinen „Sprachkurse“ stattfindet. So wie man Italienisch oder Spanisch in Deutschland unterrichtet, so wird auch Deutsch unterrichtet.
Sprachenpolitik in Kanada und Luxemburg
Sie haben auch einen guten internationalen Überblick. Da wollte ich Sie fragen, ob Deutschland von anderen Ländern mit Migration etwas lernen könnte, um die sprachlichen Entwicklungen von Migranten zu fördern.
R. S.: Ja, es gibt mehrere solcher Länder. Hervorheben möchte ich hier Luxemburg. Dort wird jedes Kind dort auch in seiner Muttersprache unterrichtet. Jetzt kann man sicherlich sagen, dass das hier vielleicht nicht umsetzbar ist. Es ist schon deshalb nicht zu schaffen, weil die Zahl der Muttersprachen und vor allem der Sprecher dieser Muttersprachen bei uns unverhältnismäßig größer ist. Ein anderes Land, das diesbezüglich positiv erwähnt werden kann, ist Kanada. - Natürlich betonen alle diese Länder gleichzeitig, dass die Sprache des Landes eine besondere Rolle spielt, aber sie fördern auch die anderen Sprachen.
Eine hohe sprachliche Kompetenz allein garantiert noch keine gelungene Integration
Hat das etwas damit zu tun, dass dort geklärt ist, wer Einwanderer ist und wer nicht?
R. S.: Man muss das differenziert betrachten. Es gibt ja viele Länder, in denen man die Staatsbürgerschaft sehr rasch erwirbt. Und es gibt andere Länder, Deutschland gehört dazu, in der man die Staatsbürgerschaft weniger rasch erwerben kann.
Meiner Meinung nach hat das weniger nur mit der Staatsbürgerschaft zu tun. Diese Fragen spielen ja eine unverhältnismäßig große Rolle, seitdem wir diesen „cultural gap“ diskutieren. Da wird gesagt: Wer nicht gut Deutsch spricht, wird kein guter Einwanderer. Dabei wissen wir, dass eine hohe sprachliche Kompetenz nicht auch eine gelungene Integration garantieren muss. Es ist für die Integration viel wichtiger, wie weit sich jemand mit den Lebensgewohnheiten in Deutschland identifiziert.
Wir blicken zu häufig auf die Ergebnisse der Sprachstudien. Wenn wir die anderen Studien betrachten, auch die zu den jungen türkischen Frauen, dann bin ich zuversichtlich: Die Mehrheit wird die Sprache sprechen und vermutlich auch integriert sein. Und es ist nicht so, dass die Mehrheit der Migranten dazu nicht bereit ist. Natürlich sind ihre Voraussetzungen oft nicht günstig: Sie sind meist ohne Deutsch-Sprachkenntnisse hier angekommen, verfügen zum Teil auch über keine gute Schulbildung, insbesondere die Migranten aus Südostanatolien. Dann haben sie hier keine Förderung erfahren. Sie haben hier gearbeitet und als Arbeitsplätze für Ungelernte wegfielen, hat es wieder an einer Förderung gefehlt - und zwar zum Teil ganz massiv. Dennoch erleben wir, dass bei den Sprachkursen die Frauen über 60% ausmachen. Das heißt, man muss immer vorsichtig sein, bei dem, was man als allgemein gültig annimmt, denn die Migranten wollen lernen - und die Voraussetzungen dafür sind integrative Konzepte und keine isolierten reinen Deutsch-Sprachkurse.
Interkulturelles Lernen ist in Deutschland eine Ausnahme
Was mich in neuerer Zeit häufiger bewegt: Es gibt jetzt im Fernsehen zunehmend Berichte über deutsche Auswanderer. Ich bin schon länger in dem Bereich Deutsch für Migranten tätig und dort begegnete mir oft eine Einstellung von Deutschen, die sich mit der folgenden Äußerung beschreiben lässt: „… aber die Sprache hätten sie lernen müssen. Wenn ich in ein anderes Land gehe, dann lerne ich dort zumindest die Sprache“. Die Berichte zeigen aber, dass deutsche Auswanderer offensichtlich auch nicht von heute auf morgen in der Lage sind, die Sprache des Landes zu erlernen.
R. S.: Nein, und viele gehen ja auch sehr unvorbereitet. Sie gehen mit ihren Vorstellungen – z.B. von Australien oder Neuseeland - dorthin und stellen erst dort fest, was alles anders ist. Intercultural learning, also interkulturelles Lernen, ist ja bei uns immer noch die Ausnahme.
Die erste Generation der Migrantinnen und Migranten war integriert, weil sie in Arbeit war
Und eine andere recht neue Entwicklung ist die, dass gerade die besser Ausgebildeten der 2., 3. Generation türkischer Herkunft ihr Glück jetzt in der Türkei versuchen und dort offensichtlich sehr erfolgreich sind.
R. S.: Das heißt z.B. für junge Menschen - und für unsere Auslandsbeziehungen habe ich das ja eben schon als Gewinn genannt: Lasst sie doch bloß auch Türkisch lernen. Warum wollt ihr das an unseren Schulen nicht anbieten? Ich würde niemanden zwingen, aber wer Türkisch lernen möchte, sollte die Möglichkeit haben, das zu tun.
Zum andern: Die erste Generation, das betonen wir heute immer, war viel besser integriert als die zweite und dritte. Die sprach zwar am wenigsten Deutsch, aber sie war in Arbeit integriert. Und deswegen hier noch einmal: Wenn wir über diese Dinge sprechen, dann müssen wir nicht Äpfel mit Birnen vertauschen. Die erste Generation war integriert, weil sie in Arbeit war.
Integration bedeutet Partizipation und die Förderung von Mehrsprachigkeit und -kulturalität
Wo sehen Sie heute noch Einflussmöglichkeiten? Wie kommen ihre Argumente heute in der Politik an?
R. S.: Nun, in Bezug auf die ausschließliche Fixierung auf die deutsche Sprachen leben wir gerade mitten in einer Veränderung, erstens im Sinne von Mehrsprachigkeit, zweitens im Sinne von besseren, geeigneteren Lernangeboten. Wir brauchen die jungen Menschen, die mobil sind. Also, die jungen Türken gehen zurück, weil sie hier gut ausgebildet sind und gleichzeitig heute gute Chancen für sich in der Türkei sehen. Die Türkei hat sich dermaßen dynamisch entwickelt, was wir hier gar nicht hinreichend erwähnen. Wir haben immer noch den Eindruck, als wäre die Türkei auf dem Stand von Südostanatolien – aber auch Südostanatolien hat sich wahnsinnig verändert.
Die Hauptbotschaft meines Interviews:
Keine isolierten Sprachkurse; wichtig ist, dass mit der Sprache auch Teilhabe am schulischen, am sozialen und beruflichen Leben erfolgt.
Wir brauchen heute Mehrsprachigkeit; missachten wir nicht die Herkunftskulturen.
Vielen Dank Frau Professor Süßmuth.
Das Interview mit Frau Prof. Dr. Süßmuth hat Petra Szablewski-Çavuş, Kulturforum TükeiDeutschland, Köln, geführt. Sie arbeitet mit in der VW Studiengruppe „Deutsch am Arbeitsplatz“.




